Ist Gott mit sich selbst zufrieden?
Die Frage, ob Gott mit sich selbst zufrieden ist, führt uns ins Herz der christlichen Gotteslehre. Auf den ersten Blick mag sie seltsam erscheinen – schließlich denken wir bei "Zufriedenheit" oft an menschliche Gefühle oder Bedürfnisse. Doch diese Frage öffnet ein Fenster zum tieferen Verständnis von Gottes Wesen.
Gott braucht nichts außerhalb seiner selbst
Anders als wir Menschen ist Gott vollkommen selbstgenügsam. Das bedeutet, er ist nicht auf irgendetwas oder irgendjemanden angewiesen, um vollständig zu sein. Wir Menschen brauchen Nahrung, Luft, Gemeinschaft und vieles mehr. Gott hingegen trägt alles, was er braucht, in sich selbst.
Diese Selbstgenügsamkeit Gottes, in der Fachsprache auch "Aseität" genannt, bedeutet: Gott hat in sich selbst vollkommene Fülle und Vollständigkeit. Er erschuf das Universum nicht, weil ihm etwas fehlte oder weil er einsam war. Die Schöpfung entsprang nicht einem Mangel, sondern einem Überfluss.
Die vollkommene Gemeinschaft der Dreieinigkeit
Ein wesentlicher Grund für Gottes Selbstgenügsamkeit liegt in seinem dreieinigen Wesen. Als Vater, Sohn und Heiliger Geist existiert Gott in einer vollkommenen Gemeinschaft der Liebe. In dieser ewigen Beziehung gibt es einen ständigen Austausch von Liebe, Erkenntnis und Verherrlichung.
Die drei Personen der Dreieinigkeit stehen nicht in Konkurrenz zueinander. Vielmehr sind sie in vollkommener Harmonie miteinander verbunden. Jede Person kennt die anderen vollständig und liebt sie vollkommen.
Diese innere Gemeinschaft bedeutet, dass Gott nie einsam ist. Er muss nicht nach außen greifen, um Beziehung zu finden. Die Liebe, die Gott ist, findet ihre Vollendung bereits in der Beziehung von Vater, Sohn und Heiligem Geist.
Gottes "Selbstliebe" ist keine Selbstbezogenheit
Wenn wir sagen, Gott sei mit sich selbst zufrieden, klingt das vielleicht nach Egoismus. Doch Gottes Selbstliebe unterscheidet sich grundlegend von menschlicher Selbstbezogenheit. Bei Menschen führt übermäßige Selbstliebe zu Narzissmus und Selbstsucht.
Bei Gott hingegen ist Selbstliebe der Ausdruck vollkommener Erkenntnis. Er liebt vollkommen, was vollkommen liebenswert ist. Gottes Selbstliebe ist nicht egoistisch, sondern die angemessene Wertschätzung seines eigenen vollkommenen Wesens.
Zudem ist Gottes "Selbstliebe" aufgrund seiner Dreieinigkeit immer auch Liebe zum Anderen. Der Vater liebt den Sohn, der Sohn liebt den Vater, und beide lieben den Geist und werden von ihm geliebt. Es ist eine Liebe, die sich verschenkt, nicht eine, die sich selbst sucht.
Warum erschafft Gott dann überhaupt?
Wenn Gott bereits vollkommen glücklich und zufrieden in sich selbst ist, warum erschafft er dann überhaupt eine Welt? Die Antwort liegt eben genau darin: Er erschafft aus Überfluss, nicht aus Mangel. Die Schöpfung ist ein freier Akt der Liebe, nicht eine Notwendigkeit.
Gott erschafft, weil es im Wesen der Liebe liegt, sich mitzuteilen und zu verschenken. Die göttliche Liebe ist so überfließend, dass sie Raum für anderes neben sich schaffen will. Nicht weil Gott etwas fehlt, sondern weil er seine Herrlichkeit und Freude teilen möchte.
Was bedeutet das für uns?
Diese Einsicht hat befreiende Konsequenzen für unser Gottesbild und unseren Glauben:
- Wir sind gewollt, nicht benötigt: Gott hat uns nicht erschaffen, weil er einsam war oder uns brauchte. Er wollte uns aus freier Liebe.
- Gnade hat ihren Ursprung in Gottes Wesen: Gott rettet uns nicht, weil er uns braucht, sondern weil seine Liebe zu uns sein Wesen ausdrückt.
- Unsere Anbetung fügt Gott nichts hinzu: Wenn wir Gott anbeten, machen wir ihn nicht größer oder vollständiger. Wir erkennen lediglich an, wer er bereits ist.
Schlussgedanke
Ja, Gott ist mit sich selbst zufrieden – aber nicht im Sinne einer selbstzufriedenen Selbstbezogenheit, sondern im Sinne einer vollkommenen Fülle und Genügsamkeit. Seine Zufriedenheit ist die harmonische Vollkommenheit der Liebe zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist.
Diese göttliche Selbstgenügsamkeit ist das Fundament unserer Hoffnung: Ein Gott, der nichts braucht und dennoch aus freier Liebe erschafft, rettet und erhält, ist ein Gott, auf den wir vertrauen können – nicht aus Zwang, sondern aus freier Zuwendung hat er sich entschieden, uns zu lieben.